Donnerstag, 25. Oktober 2012

Hippotherapie - Reiten mit Handicap

Pferde haben keine Vorurteile. Sie sehen das „Innere“ eines Menschen und nicht die Behinderung. So schaffen Pferde eine Atmosphäre, die für gehandicapte Menschen mit neurologischen und orthopädischen Defiziten oder bei der Rehabilitation nach Unfällen so hilfreich sein kann.

„Ich erlebte am eigenen Leib, wie unglaublich heilsam es ist, auf dem Rücken eines Pferdes Bewegungen zu spüren, die sich im eigenen Körper fortsetzen und diesen aktivieren. Ich bekam neue Lebenskraft und Energie“, erzählt eine Schlaganfallpatientin, die Teil der deutschen Selbsthilfegruppe „Reiten mit Handicap“ ist.

Bei der Hippotherapie überträgt das Pferd im Durchschnitt etwa 110 dreidimensionale Schwingungsimpulse pro Minute auf den Rumpf des Patienten – und das ist dem Bewegungsablauf des Gehens eines durchschnittlichen Erwachsenen sehr ähnlich. So wird Körper und Geist der Reiz des Gehens vermittelt – und das wirkt sich auf die physische und neurophysiologische Entwicklung des Patienten positiv aus.
Stark vereinfacht ausgedrückt kann man auch sagen: Das Gefühl für den „Bewegungsplan Gehen“ wird dadurch vermittelt, dass die fast ausgestreckten Beine des Reiters ständig pendeln. Fast wie beim Gehen eben. Genauer betrachtet, ist es natürlich etwas komplexer:

Die dreidimensionalen Pendelbewegungen, denen ein Reiter ausgesetzt ist, werden  zuerst vom Becken des Patienten aufgenommen und dann an die Wirbelsäule und die Extremitäten weiter geleitet. Dadurch werden die Muskulatur und Beweglichkeit des ganzen Körpers trainiert: Verkrampfte oder verkürzte Muskeln werden gedehnt, Gleichgewicht und Koordination geschult, Gelenke mobilisiert, Atmung und Durchblutung verbessert – die gesamte Muskelspannung des Tonus wird gestärkt und die aufrechte, symmetrische Haltung gefördert.
Dazu kommt, dass das diagonale Bewegungsmuster, das beim Reiten im Schritt entsteht, auch in der neurophysiologischen Entwicklung der Motorik eine tragende Rolle spielt.

Ohne speziell trainiertes Pferd und ausgebildete Therapeuten ist Hippotherapie aber nicht ratsam. Das Tier muss nervenstark, freundlich und geduldig sein. Gute Therapiepferde reagieren erfahrungsgemäß auch ganz besonders vorsichtig und rücksichtsvoll auf Kinder oder Erwachsene mit Handicap.
Für die menschlichen Hippotherapeuten, die das Pferd führen und die Sitzposition des Patienten korrigieren, sind Zusatzausbildungen notwendig – sowohl im Reit-, als auch im Therapiebereich. Sind alle Voraussetzungen erfüllt, kann die Hippotherapie sowohl in Österreich, als auch in Deutschland und in der Schweiz vom Arzt verschrieben werden und die meisten Krankenkassen übernehmen die Kosten dafür.

Die Beeinträchtigungen, bei denen Hippotherapie besonders empfohlen wird, sind alle Fälle einer zentralen Bewegungsstörung wie spastische Paresen, Koordinations- und Wahrnehmungsstörungen, Rumpf- und Extremitätenataxien, bei Multipler Sklerose, Querschnittssyndromen, Hemiplegie, bei einem Schädel-Hirn-Trauma sowie bei infantiler Cerebralparese.